
Autorenlesung in der Bokeler Mühle: Fritz Brehmer las Geschichten rund um das Dietrichsdorfer Original Jens Jensen, der nach dem Krieg in Dietrichsdorf-Neumühlen im Dorfkrug unterkam und ihn später übernommen hatte. Sein Haus war Treffpunkt für seine Freunde, für Künstler, Studenten und Politiker.
Fritz Brehmer, der in Kiel Pädagogik studierte und damals schon mit dem Schreiben begann, hatte Jens Jensen Anfang der Siebziger kennengelernt, als ihn ein Freund aus einem Literaturzirkel mit zu Jensen nahm. Jensens Haus war Treffpunkt für seine Freunde, für Künstler, Studenten und Politiker; es war öfters für kürzer oder länger Zufluchtsort für Freunde, die das Leben gebeutelt hatte und eine sicheren Hafen brauchten.
Um diese Zeit rankten sich die Erzählungen, die kleine Begebenheiten aus dem Freundes- und Nachbarkreis schildern, aus seiner schriftstellerischen Arbeit, die Jensen »Hausaufgaben machen« nannte. Er war Studierender – lernte Japanisch, las lateinische und griechische Literatur, Philosophie, über Kunst und Astrologie. Es waren knappe, schlichte Miniaturen, die Fritz vorlas. Es war deutlich zu spüren, dass diese Begegnungen mit Jensen Fritz Brehmer beflügelt hatten, sich weiter mit dem eigenen Schreiben auseinander zu setzen.
Fritz, der als Sozialpädagoge bei der »Brücke« in Neumünster arbeitet, veröffentlichte 1996 sein erstes Buch, »In allen Lüften hallt es wie Geschrei – Jakob van Hoddis – Fragmente einer Biografie«, das ich gestern abend noch gelesen habe, über den jüdischen Schriftsteller van Hoddis.
Hans Davidsohn (Künstlername Jakob van Hoddis), Autor des vielleicht berühmtesten expressionistischen Gedichts, »Weltende«, hochbegabt, versuchte nach dem Abitur sich in mehreren Studiengängen, die er aber nicht beendete. Seit Kindertagen schrieb er Gedichte, verlegte sich später ganz auf das Schreiben. Schon früh mit Depressionen und schwankenden Gemütslagen behaftet, wechselten sich ab seinem 28. Lebensjahr Klinikaufenthalte mit Unterbringung in privater Betreuung ab. 1942 wurde er zusammen mit anderen Patienten der Jüdischen Heil- und Pflegeanstalt deportiert, von diesem Transport kam niemand mehr lebend zurück.
Das Buch, eine Kollage aus Krankenberichte seiner Klinikaufenthalte, Briefe von ihm, Freunden oder aus seiner Familie, versucht sein Leben nachzuempfinden, seine Genialität und seine Schwächen sichtbar zu machen. Es ist eine Auseinandersetzung mit Hochbegabung, psychischer Anfälligkeit oder Erkrankung, und Psychiatrie.
Mich hat an dem Buch der damalige Umgang mit psychisch Anfälligen erschreckt – von Familienangehörigen in eine Klinik entführt und weggesperrt zu werden. Er wurde vor seinen Freunden fast versteckt, die ihm helfen wollen, die andere Psychiatrieverfahren vorschlugen – damals kam die Psychoanalyse nach Freud gerade in Anwendung.
Das Buch zeichnet die Schwierigkeit innerhalb der Gesellschaft nach, zwischen Hochbegabung und Ver-rückt-heit zu unterscheiden, die Unmöglichkeit, entstehende Spannungen anzunehmen und auszuhalten. Die Ablehnung und Abgrenzung des Nicht-Ganz-Normalen. Ist es heute viel besser geworden?
Die Lesung fand vor rund sechzig Zuhörern statt, die sich in der Bokeler Mühle, dem Lebens- und Schaffensmittelpunkt des Bildhauers und Projektemachers Thomas Jaspert eingefunden hatten. Thomas hat die alte Mühle, in der noch wenigen Jahren Getreide für Vieh gemahlen wurde, erworben und umgebaut. Zuvor war sie auch Ausstellungsort für die filigranen Geschöpfe von Kerstin Mempel, eine Station unseres Kunstpfades vom projektEINS.