Zur Hölle mit den Webstandards (?!?)

23. Mai 2006, 5:05 PM (Frank Hunck) ♥ CSS, HTML u. Co., Internet, Politik, Weblinks · Translation: en fr

Habe ich da richtig gelesen?
Auf ALA schreibt »einer der profiliertesten Experten zum Thema Barrierefreiheit im Web« (efa), der Kanadier Joe Clark, unter dieser Überschrift über den 2. Anlauf des World Wide Web Consortium (W3C)und der Web Accessibility Initiative (WAI), verbindliche Regeln für barrierefreien Internetzugang1 aufzustellen. Er beklagt sich seinem Artikel über den Rückschritt, der in den 2. Accessibility Guidelines, die jetzt zur Diskussion der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, zu verzeichnen sei.

Hintergründe
Der erste Ansatz mündete in den Web Content Accessibility Guidelines 1.0, kurz WCAG1, von 1999, in denen festgelegt ist, nach welchen Kriterien Websites aufgebaut sein müssen, um auch Menschen mit Behinderungen einen Zugang zu der dargebotenen Information zu geben.

Für den Webdesigner änderte sich damals einiges: Hat mensch vorher mit Hilfsmitteln wie Tabellen gearbeitet, um Designelemente an bestimmten Stellen des Bildschirms festzuheften (Tabellen stellen tabellarische Daten dar und sind kein Designwerkzeug!), mussten sie sich jetzt angewöhnen, den Inhalt (in Form von (X)HTML) von der Darstellung (mit CSS) zu trennen. Aber das ist noch die einfachste Übung. Wichtiger war, das sich Webdesigner auch mit der Anordnung und Verständlichkeit von Texten, mit ihrer semantischen Strukturierung auseinandersetzen mussten.

Diese Richtlinien waren nicht vollständig, da sie einige neuere Techniken wie Flash oder PDF nicht mit erfassten. Ebenso waren die Präsentation von Musik oder Video noch nicht gang und gäbe.

Nun zur Fassung 2
Was ich darüber auf ALA so gelesen habe, ist schon erschreckend (nur eine kleine Auswahl):

  • Eine Website, die den Richtlinien entspricht, muss nicht auf gültigem HTML basieren, sie sollte nur auf den verschiedenen Browsern ähnliche Ergebnisse zeitigen. Das ist doch wieder mal das Pferd von hinten aufgezäumt: Die Browser sollen valides HTML gleich interpretieren! (MSIE 6.0 lässt grüssen).
  • Tabellen für Designzwecke — wieder zugelassen.
  • Mensch kann ganze Unterverzeichnisse von der Barrierefreiheit ausnehmen
  • Mensch kann für seine Website einen gewissen technischen Standard als Grundvoraussetzung definieren, der Rest der Besucher, die nicht darüber verfügen, bleiben halt aussen vor
  • CSS-Designs, vor allem solche mit absolut positionierten Elementen, die aus dem Dokumentenfluss herausgenommen sind, sind untersagt. Sogar auf dem niedrigsten Level muss die Abfolge im Quelltext mit der in der Präsentation übereinstimmen. Nichts mehr mit Anordnung nach Wichtigkeit einerseits und andererseits Umgehen von bugbehafteten Browsern.
  • Die Website oder Teile davon dürfen bis zu 3 Sekunden blinken

Das kann doch nicht war sein. Oder werden da wieder Fortschritte klammheimlich auf irgendwelchen Altären von grossen Softwarefirmen geopfert? Es wäre nicht das erste Mal, dass einseitig Standards optimiert werden…

Clark berichtet davon, dass er und seine Freunde aus dem Diskussionsprozess teilweise aussen vor gelassen wurde. Anscheinend war die Diskussion selber auch so gehalten, dass Menschen mit Behinderungen daran nur schwer teilnehmen konnten. Alles in allem wohl eine Veranstaltung, an der nur Leute mit gut gefüllter (Firmen)Portokasse teilnehmen konnten. O-Ton Clark:

And now a word about process, which you have have to appreciate in order to understand the result. The Web Content Accessibility Guidelines Working Group is the worst committee, group, company, or organization I’ve ever worked with. Several of my friends and I were variously ignored; threatened with ejection from the group or actually ejected; and actively harassed. The process is stacked in favour of multinationals with expense accounts who can afford to talk on the phone for two hours a week and jet to world capitals for meetings.

The WCAG development process is inaccessible to anyone who doesn’t speak English. More importantly, it’s inaccessible to some people with disabilities, notably anyone with a reading disability (who must wade through ill-written standards documents and e-mails—there’s already been a complaint) and anyone who’s deaf (who must listen to conference calls). Almost nobody with a learning disability or hearing impairment contributes to the process—because, in practical terms, they can’t.

Schon im November 2003 schrieb Clark einen ungehaltenen Artikel über die Vorgänge (Übersetzung auf Einfach-für-Alle (efa).

Unter WCAG Samurai veröffentlichen Clark und weitere Webdesigner Ergänzungen zum WCAG1.0, um diesen Standard tauglicher für die heutige Anwendung zu machen. Dieser genügt nämlich, wie es aussieht, weitergehenden Ansprüchen an ein zugangsfreies Internet.

Ergänzung vom 26. Mai 2006: Unter ALA wird zu Clarks Artikel diskutiert und auf seiner eigenen Website hat er ausführlichere Artikel zu den WCAG-Dokumenten geschrieben [via Einfach für Alle].

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  1. Barrierefreier Internetzugang: Die Darstellung muss für alle Besucher einer Website nutzbar sein; wird in den Deutschland durch die Gleichstellungsgesetze der Länder, in der EU und der USA durch ähnliche Gesetze für öffentliche Auftritte zwingend gefordert, siehe hier Grundsätzliches und hier Interessantes. [back]
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