22.08.03

Veranstaltungsauftakt der Architektur-Tage auf der Selenter Blomenburg

Wie aus der Kieler Nachrichten der letzten Tage zu entnehmen war, finden ab Donnerstag, den 21. August 2003 bis Sonntag, den 24. August auf der Blomenburg die sogenannten Architekturtage statt. Das Ziel dieser Veranstaltung ist es, Interessierte auf die neuen Baugebiete aufmerksam zu machen. Für das erste Baugebiet (B-Plan Nr. 10 Blomenburg) ist die Baureife nach §33 BauGB erreicht, d.h., die Vermarktung der Grundstücke kann beginnen.
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Ich habe hier einen ausführlichen Veranstaltungsbericht geshrieben, für alle, die nicht daran teilnehmen konnten.

Vorbemerkung: Ich habe diesen Bericht für Interessierte aus dem Wirtschaftsverein für den Raum Selenter See, aber auch andere geschrieben. Er schildert meinen Eindruck von der Veranstaltung und meine persönliche Einschätzung der Probleme, die sich zur Zeit stellen können. Dies ist weder die Meinung des Wirtschaftsvereins noch sonstiger Organisationen. Ich bin Selenter Bürger, seit Anbeginn im WVSS und in den letzten Jahren kommunalpolitisch aktiv. Hieraus lässt sich die Motivation für diesen Bericht ableiten.


Am 21. wurde die Veranstaltung durch den Eigner der Blomenburg, Herrn Hartmann, und Frau Josten als Bürgermeisterin der Gemeinde Selent vor etwa 40 Zuhörern eröffnet. Danach lud Herr Duggen, der Geschäftsführer der Blomenburg GmbH, zu einem Spaziergang über den neu errichteten Rundweg (s. Abbildung) ein, der durch die aktuellen Baugebiete führt. An mehreren Stellen sind Schautafeln aufgestellt, auf denen Infos zu den entsprechenden Quartieren herausgestellt sind. Dieser Rundweg ist nun eine bleibende Einrichtung (nur bis zur Bauphase natürlich), sodass sich Interessenten jederzeit ein Bild von der Lage und Ausprägung der Flächen machen können.
Rundgang durchs Blomenburg-ArealGenerell lässt sich sagen, dass die Grundstückspreise sich im Bereich zwischen 115 und 155 € und die Grundstücksgrössen sich zwischen rund 500 qm bis über 2000 qm bewegen.


Nachmittags fanden zwei inhaltliche Veranstaltungen statt: Als erstes hielt der Leiter der Muthesius-Schule zu Kiel einen Vortrag über die "Neue Urbanität", der Siedlungsentwicklung ausserhalb geschlossener Städte. Dies ist eine Stilrichtung in der Architektur und der Stadtplanung, die in Amerika in den letzten Jahrzehnten um sich gegriffen hat.

Sie ist als Gegenbewegung zur Zersiedlung der Stadtränder zu sehen, zu den ungeplanten Wucherungen rund um amerikanische Großstädte. Anhand einiger Bilder erläuterte er deren Ziele, die sich um die Förderung von sozialen Strukturen durch Schaffung ansprechender Siedlungsstrukturen (Anlehnung an frühere Stadtgrundrisse), sinnvolle Siedlungsverdichtung, Einschränkung des Individualverkehrs zugunsten des ÖPNVs etc. drehen. Als europäischer Vergleich lässt sich vielleicht die Gartenstadtbewegung nennen. die ebenfalls stark das Landschaftsbild mit in die räumliche Gestaltung einfliessen lässt. Das Vorgehen dort ist es, zuerst einen sogenannten Masterplan festzulegen und dann "Pattern" zu entwerfen, Vorstellungen / Formensprachen, mit denen derer sich die Gestaltung einzelner Quartiere dann umschreiben und festlegen lässt.

Die Neue Urbanität wird jedoch in Deutschland überwiegend ignoriert. Er führte dann den Begriff der "Inszenierung" ein, der Inszenierung von Architektur und Stadtplanung mithilfe vom Material, Raum und Ort - (und ich merkte jetzt, dass ich wirklich nicht vom Fache bin - ich verlor den Anschluss - d. Säzzer).

Zum Schluss ging er auf die Besonderheiten des Blomenburg-Projektes ein. Dies zeichne sich durch eine hohe Qualität des Landschaftsraumes aus, wobei folgende Punkte zu beachten wären: 1. Es müsse ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen Öffnung des umbauten Raumes zur Natur hin einerseits, andererseits dem Schutze vor der Natur; 2. müsse Wert auf die vorhandenen Blickbeziehungen gelegt bzw. neue geschaffen werden; und 3. ein Zusammenhang des Ganzen durch Orientierungspunkte, Objekte oder Plätze erzeugt werden. Denn es fehlen ihm Beziehungen zwischen den einzelnen Baugebieten. Sie würden sich dadurch unterscheiden, dass jedes eine andere Beziehung zum Namens- (und Sinn-)geber Blomenburg aufweisen würde, weil der Park als optische Trennung eine Vereinzelung der Quartiere hervorrufen würde.

In der anschliessenden Diskussion griff der Stadtplaner der Gemeinde Selent, Herr Bruns, die vorgestellten Thesen an, da sie nicht mir der Blomenburg verglichen werden könnten. In den USA erschienen die Siedlungen "wie ein gelandetes Raumschiff" ohne Beziehung zu den vorhandenen Strukturen. Im vorliegenden Falle ginge es aber darum, die Blomenburg in Bezug auf Selent zu integrieren. Es soll keine Inszenierung im luftleeren Raum geben, sondern eine Einbingung in bestehende Sozialstrukturen. Herr Duggen unterstützte dies durch die Anmerkung, dass die Blomenburg durch die Öffnung des Parkes in den vergangenen Jahren dies schon deutlich gemacht hätte. "Eine Ghettoisierung wäre das Letzte, was sie sich vorstellen würden", sagte er. Bruns stelle abschließend heraus, dass soziale Aspekte ein wichtiger Gesichtspunkt wäre neben der Großzügigkeit ländlichen Bauens. Herr Fromm betonte, dass er die new urbanity nur als Aufhänger seines Diskussionsbeitrages gewählt hätte, er diesen Ideen aber eher kritisch gegenüberstehen würde.

An der anschliessenden Podiumsdiskussion nahmen neben Herrn Fromm Herr Zeinert von der IHK Kiel, Herr Nagel als Mitglied des Gestaltungsbeirates (GBR, davon später mehr) und Gewinner des Architektenwettbewerbs für den Venturepark Blomenburg sowie der Architekt und Stadtplaner Herr Bock von der Architektenkammer teil. Letzterer merkte in der Eingangsrunde kritisch an, dass für den städtebaulichen Entwurf kein Wettbewerb stattgefunden hätte und dadurch unter Umständen wichtige Ansatzpunkte, die sich aus der Gesamtschau ergeben hätten, nicht vorlägen. Dies könnte bei der Umsetzung zu "Unverdaulichkeiten in der Nachbarschaft führen".

Herr Nagel entgegnete, dass durch den GBR eine architektonische Qualitätssicherung durchgeführt würde. Der B-Plan dient als Vorgabe, dem GBR kommt dann ein Vetorecht zu. Im Blomenburger GBR sitzen neben Herrn Nagel der ehemalige Stadtbaurat der Stadt Kiel, Herr Flagge, Herr Ackermann aus der Hartmann-Gruppe, der Bauausschussvorsitzende der Gemeinde Selent, Herr Jipp und Herr Duggen.

Herr Bock zog die Wirksamkeit eines GBR in Zweifel. Er ist selbst Vorsitzender des GBR in Flensburg und meinte, dass mit diesem Instrument nicht ausgeschlossen ist, dass ein Baugebiet sich vom ursprunglichen Ziel wegentwickelt.

Er stellte die Frage an Bruns, wie denn die städtebauliche Ausrichtung der Quartiere erfolgte.
Bruns stellte die drei Stufen vor. Als oberste Raumordnung ist der denkmalgeschützte Bereich zu sehen, bei dem die Denkmalschutzbehörde von ihrem Vetorecht schon mehrmals Gebrauch gemacht hat und wo der Gestaltungsspielraum ausgeschöpft ist. An zweiter Stelle stehen die Vorgaben des B-Planes, in dem keine architektonische Ausführung fest definiert sei. Er regelt die Komposition der Gebäude zueinander im grösseren Kontext, lässt aber begründete Gebäudeverschiebungen im Ragmen der Vermarktung noch zu. Die äußeren Grundzüge der Architektur sind jedoch darin festgeschrieben (Dachneigung, Firsthöhe etc.). Weitere baugestalterische Festsetzungen sind nach Baurecht nicht statthaft. An dritter Stelle kommt nun der GBR, der auf Basis des obigen Rahmens für die Qualitätssicherung zuständig ist.

Herr Hartmann griff dann in die Diskussion ein und meinte, dass dies die Idee gewesen sei. Die Ausstellung der Architekten, die heute eröffnet wurde, würde jedoch noch nicht dem entsprechen, was sie sich vorgestellt hätten. Er erbat sich dann die Unterstützung der Architektenkammer, um Mustertypen für die 5 bis 7 denkbaren Quartiere zu entwickeln.


Ein potentieller Interessent meldete sich zu Wort und merkte an, dass ihn die Festsetzungen des B-Plans 10 doch entsetzt hätten, vor allem die maximale Firsthöhe von 13 m würde im Bereich des Sonnenbergs zu massiven Bauten führen. Er schlug vor, neben den Festsetzungen der Gemeinde durch den B-Plan noch eine Gestaltungssatzung festzulegen und darüberhinaus den Rahmen der architektonischen Ausführung schon im Kaufvertrag festzuschreiben.

Letzteres ist nach Aussagen von Herrn Duggen schon umgesetzt - die Rolle des GBR wird in den Kaufverträgen festgehalten.


Ein anwesender Architekt schilderte seine Erfahrungen mit der frühzeitigen Einbindung der Bauherren in die Ausführungsplanung. Er betreute als Moderator ein Projekt der Stadt Ahrensburg, bei dem 290 Wohneinheiten geplant wurden. Dort wurden die Bauherren zu einem Findungsworkshop eingeladen, einer fünftägigen Veranstaltung, in der gemeinsam bestehende Quartiere besucht wurden, um den Rahmen festzulegen, in dem in Ahrensburg gebaut werden könnte. Ein Ziel der Veranstaltung war auch, dass sich Interessensgruppen finden würden, denen eine ähnliche Architektur vorschwebte - so hätten sich Teilquartiere gruppieren lassen können. Er sagte aber, dass dieses Ziel verfehlt wurde, da die eigentliche Festlegung der Art der Bauausführung viel später einsetzte - nämlich als jeder Bauherr individuell seine Finanzierung festzurrte, und dass sich dann kein geschlossenes Bild mehr entwickeln ließ. Als einziges Ergebnis nannte er schmunzelnd eine ausserordentlich gute Nachbarschaft dort.

Die weitere Diskussion drehte sich um den Begriff der Qualität bzw. der Qualitätssicherung, ohne dass diese Begrifflichkeiten weiter konkretisiert werden konnten. In der Abschlussrunde betonte Herr Bock nochmals, dass er allen Beteiligten wünsche, dass sich die Bebauung nicht nachträglich als Albtraum herausstellt. Der Augenschein der Neubaugebiete rundherum im Land spräche seine eigene Sprache.

Mein persönliches Fazit aus der Eröffnungsveranstaltung:
Die Veranstaltung hat mir gezeigt, dass vor allem der GBR noch einen weiten Weg vor sich hat. Ich hatte gehofft, dass wir nun konkrete Beispiele für die Architektur, die um die Blomenburg realisiert werden soll, gezeigt bekämen.
Jetzt steht die Blomenburg GmbH vor der Schwierigkeit, dass sie einerseits die Grundstücke vermarkten will bzw. muss, ohne den Interessenten andererseits genauere Angaben machen zu können, welche Art von Qualität der GBR von ihnen zukünftig fordern wird.
Dies setzt den GBR unter enormen Druck, da er es sein wird, der die Qualitätskriterien nachvollziehbar festzulegen hat.
Ich war auch etwas überrascht, dass bislang anscheinend die Architektenkammer noch nicht ausreichend in die Konzeptionierung mit eingebunden war.

Es ist der Blomenburg zu wünschen, dass in den nächsten Tagen das Interesse von Bauwilligen gross ist. Das Gute ist nun, dass die zeitraubenden Abstimmungsgespräche auf höchster Ebene abgeschlossen sind und durch konkrete Planungen sich ein deutlicheres Bild vom Geschehen auf der und um die Blomenburg abzeichnet.


In den nächsten Tagen finden neben der Architekturausstellung mehrere kulturelle Veranstaltungen statt. Das Programm kann auf der Website der Blomenburg unter "Veranstaltungen" abgerufen werden.


Geschrieben von Frank um 22.08.03 10:35

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